Profile machen Leute, oder wie ist das mit dem ersten Eindruck?

Wie in der Vorstudie im vorherigen Artikel gezeigt werden konnte, ist es möglich über das Profil in einem Sozialen Netzwerk den Eindruck, den man von sich und seiner Persönlichkeit vermitteln will, zu steuern. Die Frage ist, ob sich dieser erste Eindruck auf den zweiten Eindruck im Leben außerhalb des Internets auswirkt.

Es braucht nicht viele Informationen anhand derer wir uns einen Eindruck über eine fremde Person machen

Die Frage scheint dahingegen wichtig, da eine erste Begegnung mittlerweile nicht selten erst online stattfindet. Sei es nun auf Partnerbörsen (vgl. z.B. spiegel-online) oder im Sozialen Netzwerk über die Kontaktliste einer Bekannten oder eines Bekannten. Vielleicht fallen einem die interessanten Kommentare einer bis dato unbekannten Person auf der Pinnwand einer Freundin oder eines Freundes auf. In dieser Situation werden viele von uns dazu geneigt sein sich ein genauerers Bild über diese Person zu machen, indem dessen Profil “abgecheckt” wird. Auf dem Profil können wir lesen, welche Hobbies sie oder er hat, welche Weisheiten oder Belanglosigkeiten sie oder er auf seiner eigenen Pinnwand von sich gibt und auf welche Musik sie oder er steht. Wir betrachten ihre oder seine Bilder und fügen anhand all dieser Information uns ein Bild über die Person zusammen. Weil wir im Sozialen Netzwerk in der Regel an viele dieser Informationen rankommen, wird bei Personen, die man erst kennengelernt hat, oft zunächst das Profil auf Facebook oder studiVZ betrachtet. Man erhofft dadruch, schnell und bequem ein genauerers Bild über die Person zur Verfügung zu haben. Wie im Artikel „Was hat im Social Network einen Einfluss auf die Persönlichkeitseinschätzung?“ beschrieben, braucht es nicht viele Informationen, anhand derer wir uns einen Eindruck über eine fremde Person machen und es ist möglich, dass wir anhand dieser Informationen ein falschs Bild über eine Person bekommen. Bestimmt der Eindruck, den wir uns von einer Person im Internet gemacht haben, dann auch, wie wir die Person in einer anderen Situation außerhalb des Internets wahrnehmen?

Folgendes Experiment zeigt, dass der erste Eindruck über eine Person im Internet sich auf eine Begegnung in einer anderen Situation auswirken kann .

Studentinnen des Studiengangs Psychologie der TU-Darmstadt ließen in Rahmen eines Praktikums 36 Versuchspersonen die Persönlichkeit von vier ihnen unbekannten Menschen einschätzen. Dafür sollten sich die Versuchspersonen in die Situation hineinversetzen, sie träfen sich am Wochenende mit einer ihr unbekannten Person. Das Treffen sei dabei von einem gemeinsamen Freund arrangiert worden. Die Versuchspersonen sollten sich vorstellen, sie würden sich vor dem Treffen das StudiVZ Profil der unbekannten Person vorab ansehen, um sich ein Bild von der Person zu machen. Anschließend wurde das Treffen mit der Person durch ein Video simuliert, in welchem die zu dem Profil gehörige Person zu sehen war, wie sie eine Geschichte aus ihrer Kindheit erzählt.

Die Versuchspersonen wussten dabei nicht, dass die Personen, die sie anhand der Videosequenzen einschätzen sollten, vier Schauspieler einer Theater AG waren, die sich freundlicher Weise dazu bereit erklärt hatten, uns bei dem Versuch zu helfen. Die Schauspieler waren zwei Frauen und zwei Männer. Da wir nicht deren wahren Namen im Versuch verwenden wollten, gaben wir den Darstellern die Namen „Nora“ und „Katja“, „Max“ und „Michael“. Jeder der vier Schauspieler drehte mit uns ein kurzes Video, in welchen jeder von ihnen eine kurze Kindheitserinnerung erzählte. Wir hatten somit am Ende ein Video von jedem der vier Schauspieler zur Verfügung.

Wir erstellten weiterhin für jeden Darsteller StudiVZ Profile. Anders als bei den Videos fertigten wir hierbei aber für jeden Schauspieler insgesamt drei Profile an. Jeder Darsteller besaß ein Profil, auf dem er als besonders gesellig, gesprächig, bestimmt und aktiv, kurz gesagt: extravertierter wirkte. Ebenso bauten wir für jeden Schauspieler anhand von Hobbies, Vorlieben und allgemeinen Informationen ein Profil zusammen, welches die dazugehörige Person als still, scheu und reflektierend, eben introvertiert erscheinen ließ. Zu guter Letzt erzeugten wir für jeden Schauspieler ein neutrales Profil. D.h. das Profil ließ sich nicht eindeutig einer der beiden Pole Extraversion oder Introversion zuordnen. Dass die Erstellung der Profile nach diesen Vorgaben geglückt ist, wurde in der Vorstudie getestet (hier nachzulesen: „Können wir über das Internet den Eindruck, den andere von uns haben sollen, bestimmen?“). Folgende Abbildungen zeigen Ausschnitte aus zwei Profilen, die in dem Experiemtn verwendet wurden. Als erstes ist ein Profil zu sehen, welches die dazugehörige Person als besonders extravertiert erscheinen ließ. Das zweite Profil lässt hingegen auf eine introvertierte Personlichkeit des Profilbesitzers schließen.

Profil einer extravertierten Person

Profil einer introvertierten Person

Jede Versuchsperson sollte von allen vier Darstellern die Persönlichkeit einschätzen, nachdem sie das jeweilige zu dem einzelnen Darsteller zugehörige Video gesehen hatte. Dabei variierte über die Versuchspersonen hinweg, welche Persönlichkeit den jeweiligen Darstellern anhand der STudiVZ Profile zugeschrieben wurde. Somit variierte die Darstellung der Persönlichkeit der vier Schauspieler aufgrund der Profile, während in allen Bedingungen die Videos die gleichen waren. Das zweite „Kennenlernen“ wurde mit Videos nachgestellt, damit sicher gestellt war, dass alle Versuchspersonen ihre Einschätzung aufgrund der gleichen Situation, nämlich dem Video des jeweiligen Darstellers, vornahmen. Unterschiede zwischen den Einschätzungen sind somit auf die Persönlichkeitsdarstellung der jeweiligen StudiVZ Profile zurückzuführen.

Die Einschätzung der Persönlichkeit nach jedem Video erfolgte durch einen Fragebogen (NEO-PI-R[1]). Dieser Fragebogen dient anhand von vorgegebenen Aussagen der Einschätzung der Persönlichkeit anderer Personen. Beispielaussagen sind: “Er/Sie ist gerne im Zentrum des Geschehens.” oder “Er/Sie würde lieber seine eigenen Wege gehen, als eine Gruppe anzuführen”. Im Experiment mussten die Versuchspersonen mit solche 24 Fragen, die Persönlickeit der vier Darsteller einschätzen, nachdem sie das jeweilige Video gesehen hatten. Die Fragen lassen sich dabei durchgehend mit einer vorgegebenen Antwortkategorie beantworten, je nachdem, wie sehr man der jeweiligen Aussage zustimmt, oder sie ablehnt.

Zusammenfassend ließ sich durch das Experiment zeigen, dass die Einschätzung der Persönlichkeit, so wie wir sie anhand des Profils einer Person in einem Sozialen Netzwerk vornehmen, einen Einfluss auf den Eindruck hat, welchen wir uns von der gleichen Person in einer anderen Situation machen (siehe Statistik). Obwohl die Videos in allen Bedingungen die gleichen waren, wurde die Persönlichkeit der Menschen in den Videos anders eingeschätzt, je nachdem, welches Profil von der jeweiligen Person zuvor vorlag. Wenn die Schauspieler durch das Profil als extravertiert präsentiert wurden, dann wurden sie von den Versuchspersonen im Video auch so wahrgenommen. Gleiches gilt aber in die andere Richtung, wenn das Profil den jeweiligen Schauspieler als introvertiert erscheinen ließ. Hier nahmen dann die Versuchspersonen den Darsteller im Video als introvertiert wahr.

Der Halo-Effekt erlangt durch die digitale Kommunikation eine neue Bedeutung

Das unserer erste Einschätzung häufig die weitere Wahrnehmung einer anderen Person bestimmt, auch wenn diese Einschätzung falsch sein kann, ist ein Effekt, der in der Sozialpsychologie schon länger als Halo-Effekt bekannt ist (vgl. Asch, 1946[2], oder wikipedia: Halo-Effekt). Durch die digitale Kommunikation erlangt dieser Effekt eine neue Bedeutung, da die digitale Wahrnehmung einer Person die Wahrnehmung ihrer Persönlichkeit außerhalb des Internets verfälschen könnte. Unser Experiment gibt jedenfalls eine 1. Hinweis dafür, dass dies möglich ist.

Dies ist natürlich ein Experiment und zu einer Begegnung mit einem Menschen im realen Leben gehört viel mehr, als dass dieser eine Erinnerung aus seiner Kindheit erzählt, weswegen es zu fragen bleibt, wie lange eine Einschätzung, die wir erst virtuell getroffen haben, außerhalb des Internets aufrecht erhalten werden kann. Andererseits gehört zu der virtuellen Kommunikation in einem Sozialen Netzwerk oder auf einer Partnerbörsenseite mehr, als nur die Betrachtung des Profils der anderen Person. Man schreibt sich Nachrichten, liest die laufenden Posts der betreffenden Person usw. Hierbei ist es nicht schwer, ein Bild, welches man dem anderen vermitteln möchte, aufrecht zu halten, da man in der virtuellen Kommunikation eine gewisse Kontrolle über die Inhalte besitzt. Der Versuch zeigte in der Hinsicht, dass die Tendenz besteht, Menschen nach deren virtuellen Profilen zu beurteilen und diese Beurteilung auch in einer anderen Situationen aufrecht zu erhalten.


Statistischer Nachweis:

Im Durchschnitt konnten die Versuchsperson jedem Darsteller maximal 5 Punkte auf der Extraversionsskala zuschreiben. D.h. je höher dieser Wert ausfiel, umso höher wurde die Geselligkeit, Gesprächigkeit, Aktivität usw. des jeweiligen Darstellers beurteilt. Entsprechend gilt: Je niedriger der Wert ausfiel, umso zurückgezogener, still und reflektierend schätzend die Versuchspersonen den jeweiligen Darsteller ein. Die folgende Abbildung zeigt, wie sich die jeweiligen Profile des Sozialen Netzwerks auf die durchschnittliche Persönlichkeitseinschätzung anhand der Videos ausgewirkt haben. Wenn zu dem Darsteller vor der Darbietung des Videos ein extravertiertes Profil gezeigt wurde, wurden die Darsteller im Durchschnitt signifikant als extravertierter in dem Video wahrgenommen, als wenn ihnen zuvor ein introvertiertes Profil zugeschrieben wurde (t(63)=10.24; p < .001). Nicht mehr ganz so groß aber dennoch signifikant war der Unterschied, wenn zuvor ein neutrales Profil im Vergleich zu einem extravertierten Profil präsentiert wurde (t(70)= 1.72, p < .005). Ebenso war der Unterschied zwischen den Bewertungen der Videos nach zuvor gezeigten introvertierten Profile zu der Bedingung mit den neutralen Profilen signifikant (t(70)= −3.54; p = .001).

Durchschnittliche Bewertung der Videos gemittelt über die Ausprägung, welche die vorab gezeigten Profile hatten

Literatur

[1]Ostendorf, F. & Angleitner, A. (2004). NEO-Persönlichkeitsinventar nach Costa und McCrae, Revidierte Fassung. Göttingen: Hogrefe.

[2]Asch, S.E. (1946). Forming Impressions of Personality. Journal of Abnormal and Social Psychology, 41, 258-262.


Danksagung

Julia A.., Hanna W.., Josefine M., Katharina W., Jana W. und Angelina B. für Idee und Umsetzung

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